‚Der Tiger‘ von Blake: Furchtbare Symmetrie & Schöpfung

Der Ausdruck „Tiger Tiger in der Nacht“ beschwört sofort Bilder von wilder Schönheit und furchtbarer Symmetrie herauf und greift eine der berühmtesten Zeilen der englischen Dichtung auf. Während er in jüngster Zeit durch einen Romantitel populär wurde, rührt seine wahre literarische Bedeutung von William Blakes ikonischem Gedicht „The Tyger“ (Der Tiger) her, einem zentralen Werk seiner Sammlung Songs of Experience von 1794. Dieses scheinbar einfache, gereimte Gedicht befasst sich mit tiefgründigen Fragen über die Schöpfung, die Natur von Gut und Böse sowie das erhabene Geheimnis der Existenz. Die bleibende Kraft von „Tiger Tiger in der Nacht“ zu verstehen bedeutet, sich mit Blakes meisterhafter Erforschung der Gegensätze und dem Ehrfurcht gebietenden Schrecken der göttlichen Schmiede auseinanderzusetzen.

Blakes „The Tyger“ ist nicht nur eine Beschreibung eines wilden Tieres; es ist eine philosophische Untersuchung, getarnt als lyrisches Lied. Gepaart mit seinem Gegenstück, „The Lamb“ (Das Lamm) aus Songs of Innocence, fragt das Gedicht, wie dieselbe göttliche Kraft sowohl unschuldige Sanftheit als auch erschreckende Wildheit erschaffen konnte. Der „Tiger Tiger in der Nacht“ ist das ultimative Symbol dieser furchtbaren Kraft, die leuchtend inmitten der Dunkelheit brennt.

Bildsprache und Symbole in Blakes ‚Der Tiger‘

Das Gedicht beginnt mit der unvergesslichen Apostrophe:

Tyger Tyger, burning bright,
In the forests of the night;
What immortal hand or eye,
Could frame thy fearful symmetry?

Der Tiger wird als Kreatur des Feuers („burning bright“) dargestellt, die im geheimnisvollen, dunklen Reich der „forests of the night“ existiert. Dieser unmittelbare Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit, Feuer und Wald, bereitet die Bühne für die Erkundung gegensätzlicher Kräfte im Gedicht. Die zentrale Frage, die wiederholt und neu formuliert wird, betrifft den Schöpfer, der fähig ist, ein solches Geschöpf von „fearful symmetry“ – einer Schönheit, die mit Schrecken verwoben ist – zu formen.

Blake verwendet eine kraftvolle Schmiede-Bildsprache, um den Akt der Schöpfung darzustellen:

In what distant deeps or skies.
Burnt the fire of thine eyes?
On what wings dare he aspire?
What the hand, dare seize the fire?
And what shoulder, & what art,
Could twist the sinews of thy heart?
And when thy heart began to beat,
What dread hand? & what dread feet?

Der Schöpfer wird als himmlischer Schmied vorgestellt, der mit furchterregenden, geschmolzenen Materialien umgeht. Das „fire“ (Feuer) in den Augen des Tigers, das Verdrehen seiner „sinews“ (Sehnen), das Schmieden seines „brain“ (Gehirns) – all diese Metaphern betonen den immensen Aufwand und den Wagemut, die erforderlich sind, um ein solch furchterregendes Wesen ins Dasein zu bringen. Die Verwendung wiederholter Fragen unterstreicht das Staunen und den Schrecken des Sprechers vor diesem schöpferischen Akt. Wer wagte es? Welche Art von Wesen könnte solche Kraft und Kühnheit besitzen? Diese Erkundung knüpft an breitere Themen innerhalb der Dichtung an und hinterfragt die göttlichen Attribute.

Eine der eindrucksvollsten Strophen fragt:

What the hammer? what the chain,
In what furnace was thy brain?
What the anvil? what dread grasp,
Dare its deadly terrors clasp!

Diese Zeilen konzentrieren sich intensiv auf die Werkzeuge der Schöpfung und stellen sich die göttliche Werkstatt vor. Der „furnace“ (Ofen), in dem das Bewusstsein des Tigers geformt wurde, der „anvil“ (Amboss), auf dem sein Wesen gehämmert wurde, der „dread grasp“ (schreckliche Griff), der nötig war, um diese gefährliche Kraft zu halten – Blake erhebt die Schöpfung des Tigers zu einem Akt kosmischer, furchterregender Kunstfertigkeit.

Die GeisterbrautDie Geisterbraut

Gegensätze und das Erhabene

Blakes Philosophie, stark beeinflusst von seinen mystischen Visionen, drehte sich oft um das Konzept der „contraries“ (Gegensätze) – notwendige gegensätzliche Kräfte wie Gut und Böse, Unschuld und Erfahrung, Vernunft und Energie. Der Tiger, ein Symbol für wilde Energie und Ungezähmtheit, ist eine perfekte Verkörperung einer Seite dieser Gegensätze. Das Gedicht scheut nicht den Schrecken, den der Tiger einflößt; es umarmt ihn als Teil seines prächtigen Wesens. Diese „fearful symmetry“ macht ihn geradezu erhaben – eine Erfahrung des Staunens, gemischt mit Schrecken vor etwas Gewaltigem und Mächtigem, das das menschliche Verständnis übersteigt.

Die Verbindung des Gedichts zu „The Lamb“ ist hier entscheidend.

When the stars threw down their spears
And water’d heaven with their tears:
Did he smile his work to see?
Did he who made the Lamb make thee?

Diese Strophe präsentiert einen kosmischen Umbruch, vielleicht den Fall der Engel, der eine weitere Ebene des Geheimnisses und der Rebellion hinzufügt. Es folgt die ergreifende Frage: Hat derselbe Schöpfer sowohl das sanfte Lamm als auch den furchterregenden Tiger geschaffen? Dieser scharfe Kontrast liegt im Herzen des philosophischen Gewichts des Gedichts. Wie kann die Quelle des ultimativen Guten auch die Quelle solch potenzieller Zerstörung sein? Es ist eine Frage, die durch Jahrhunderte der Theologie und Philosophie widerhallt und zeigt, warum Blakes Gedicht eines der berühmtesten Gedichte im englischen Kanon bleibt.

Blakes Wahl des Tigers, der „in the forests of the night“ lauert, spricht die verborgenen, ungezähmten und vielleicht furchterregenden Aspekte der Welt und des Göttlichen an. Er repräsentiert eine Urkraft, jenseits der domestizierten Unschuld des Lammes.

Form und bleibendes Erbe

Die Form von „The Tyger“ ist ebenso beeindruckend wie ihr Inhalt. In gereimten Couplets mit einem starken, treibenden Rhythmus geschrieben, ahmt sie die kraftvolle, fast mechanische Wucht des Schmiedhammers nach. Die Wiederholung, insbesondere der Anfangs- und Schlussstrophe (mit einer wichtigen Änderung von „could“ zu „dare“ in der letzten Strophe), erzeugt eine hypnotische, gesangsähnliche Qualität, die die Besessenheit des Sprechers mit der zentralen Frage betont. Es ist ein relativ kurzes Gedicht, doch es birgt eine immense Wucht und setzt sich mit existenziellen Fragen auseinander, die oft in klassischer Kinderlyrik gestreift, hier aber mit verheerender Tiefe ergründet werden.

Der Ausdruck „Tiger Tiger in der Nacht“ hat das Gedicht selbst überschritten und ist zu einem kulturellen Bezugspunkt für Wildheit, verborgene Kraft und das ungelöste Geheimnis der Schöpfung geworden. Blakes „The Tyger“ stellt sicher, dass das Bild dieses furchterregenden Geschöpfs, das leuchtend in der Dunkelheit brennt, unauslöschlich in der Vorstellungskraft eingeätzt bleibt und uns dazu anregt, uns den mächtigen und manchmal furchterregenden Kräften zu stellen, die unsere Welt gestalten. Das Gedicht ist ein Beweis für die Kraft der Poesie, Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, und uns in Ehrfurcht vor der „furchtbaren Symmetrie“ der Existenz selbst zurückzulassen.

Fazit

William Blakes „The Tyger“ ist weit mehr als ein Gedicht über ein Tier; es ist eine tiefgründige Meditation über die Natur der Schöpfung, der Macht und das erhabene Geheimnis des Universums. Das eindringliche Bild von „Tiger Tiger in der Nacht“, leuchtend in der Dunkelheit brennend, fasst das zentrale Paradoxon zusammen, das Blake erforscht – wie kann dieselbe Hand sowohl zarte Unschuld als auch erschreckende Kraft erschaffen? Durch lebendige Bildsprache und unaufhörliches Fragen lässt Blake den Leser mit den fundamentalen Kräften ringen, die die Welt formen. Es bleibt ein kraftvolles, relevantes Werk, das Jahrhunderte nach seiner Entstehung weiterhin Staunen und Nachdenken hervorruft, ein wahres Meisterwerk poetischer Untersuchung.